Posted on / by Heiko Schmidt / in VEREINSLEBEN, Werkstatt

Jährliche Fallschirmprüfung: auf Miss Polly’s Spuren

Hessen hat eine enge Verbindung zur Luftfahrtgeschichte, sei es durch Orte, Institutionen oder bekannte Persönlichkeiten. In Vergessenheit geriet Luftfahrtpionierin Käthe Paulus, obwohl ihr Patent des Packfallschirms vermutlich tausenden Piloten weltweit das Leben gerettet hat und alle heutigen Fallschirmpacksysteme auf dieses zurückgehen.

„Miss Polly“, geboren 1868 im südhessischen Zellhausen, war nicht nur die erste Ballonfahrerin Deutschlands. Sie sprang 1893 als erste Frau mit einem damals gängigen „Wickelfallschirm“ aus einem Ballon. Übrigens, ein Gurtsystem für den Springer wurde erst nach 1912 entwickelt, sie hielt sich an einem Handgriff fest! Als ihr Partner und Mann bei einem Absprung mit einem solchen Fallschirm tödlich verunglückte, entwickelte sie den Packfallschirm: Nach einem ausgetüftelten System zusammengelegt, in einer Hülle verpackt, entfaltet er sich durch einen Spezialmechanismus (Reißleine), ohne dass sich die Tragleinen dabei verwickelten. Später tourte sie als „Luftakrobatin“ mit ihrem Ballon oder Luftschiffen durch die Lande, sprang über 147 Mal aus dem Ballon ab, ohne dabei größere Blessuren zu erleiden. Denn bei aller Risikobereitschaft hatte Paulus ein großes Sicherheitsbewusstsein und war äußerst penibel bei der Behandlung und Vorbereitung ihres Fluggerätes (Ballone/Luftschiffe, Fallschirme).

Zu Kriegsbeginn 1914 bot sie ihre Erfindung dem Militär an. Anfänglicher überwog die Skepsis bei der Heeresleitung. Erst 1916 bekam Paulus den Auftrag über 7000 Fallschirme (Markenname „K.P.-Fallschirm“) , wurde damit die erste große „Fallschirmproduzentin“, rettet so vielen damaligen Aufklärungs-Ballonfahrern und später Piloten das Leben.

Sie selbst verstarb, nach der Wirtschaftskrise verarmt, 1935 in Berlin. Ihrer Erfindung, der Packfallschirm überlebte und steckt heute noch vom Prinzip her in jedem modernen Rettungsfallschirm. Jene Rettungsfallschirme, denen auch die Bensheimer Segelflieger im Notfall vertrauen.

Fallschirmprüferin Heike Kordubel (Mitte) bei ihrer verantwortungsvollen Arbeit
Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser.

Daher kam Fallschirmprüferin Heike Kordubel (Flugsportvereinigung Schwalm e.V.) am vergangenen Wochenende nach Bensheim angereist, um die jährlichen Geräteprüfungen durchzuführen. Rund 40 Rettungsfallschirme lagen bereit (darunter auch einige Exemplare aus Heppenheim). Sorgfältig packte sie jeden einzelnen Schirm aus, testete Funktionalitäten, kontrollierte  Nähte, Reiß- und Fangleinen, suchte gewissenhaft nach Beschädigungen wie beispielsweise Scheuerstellen an Kappe oder Gurtzeug „Da erlebt man manche Überraschung,“ berichtet Kordubel, „aber hier ist alles in Ordnung.“ Erst danach gab es den ersehnten Prüfstempel direkt auf die Fallschirmkappe, gültig für ein Jahr, und natürlich die Dokumentation im begleitenden Packheft „Dieser Bürokratismus war früher bestimmt weniger…“, waren sich alle Beteiligten einig.

Sorgfältig faltet Fallschirmpackerin Judith Schwöbel (rechts) mit Helferin Gisela Simon die Fallschirmkappe

Den Fallschirm wieder korrekt in seine Fallschirmhülle zu verpacken, das übernahmen anschließend die zertifizierten Fallschirmpacker bzw. -packerinnen wie Judith Schwöbel. Auch sie kontrollierte nochmals das gesamte Material, während sie den Fallschirm fein säuberlich ausrichtete, akkurat faltete, fixierte und gemäß seines jeweiligen Packsystems zurück in die Hülle bugsierte, genau wie vor über 100 Jahren.

Damit sind die Rettungsfallschirme für die neue Saison bereit – und mögen, wie wie all die Jahre zu vor, hoffentlich erneut nicht zum Einsatz kommen.

Historische Quellen

https://www.dpma.de/dpma/veroeffentlichungen/patentefrauen/kaethepaulus/index.html
https://www.mainhausen.de/kaethe-paulus
https://frankfurter-personenlexikon.de/node/737

Titelfoto: zeitgenössisches Werbeplakat (Quelle: www.mainhausen.de), Käthe Paulus (zeitgenössische Fotomontage; Quelle: www.dpma.de) rechts: